Die Gravitation des Konfliktes

Als Gravitation verstehen wir in der Regel eine der Grundkräfte der Physik. Sie wirkt zwischen zwei massehaften Körpern und gewinnt an Kraft, je näher sich die Körper kommen.[1] Auch wird sie von der Masse der Körper beeinflusst. Die Gravitation eines Körpers wirkt stärker, je massereicher dieser ist. Und egal, wie fern sich verschiedene Körper sind, die Gravitation, die zwischen Ihnen wirkt, verliert nie völlig an Kraft. Und dann sind da noch die schwarzen Löcher: Objekte mit derart extremer Masse – und somit außerordentlicher Gravitation –, dass es sogar das Licht an sich reißt und seiner Masse hinzufügt. Nur jenseits des Ereignishorizonts ist noch ein Entkommen vor dem Wirken der Gravitation möglich. Die Gravitation bietet viele schöne Analogie zu dem, was wir in Konflikten beobachten können.

 

An anderer Stelle habe ich schon einmal argumentiert, dass man einen Konflikt beenden kann, wenn man sich nur dazu entscheidet, die Kommunikation abzubrechen.[2] Unter Kommunikation, das sei kurz erläutert, wird jede Form des Informationsaustauschs verstanden. Somit fallen auch Minen, Gesten, die Körperhaltung oder mittelbare Auswirkungen von Handlungen unter den Begriff der Kommunikation. Paul Watzlawick war nicht der letzte, der feststellte: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“[3] Vielleicht war er der erste. So verstanden, wird es einem Menschen sehr schwer fallen, die Kommunikation mit einem anderen Menschen des lieben Friedens willen gänzlich abreißen zu lassen. Aber es kann insofern gelingen, dass die Kommunikation derart mittelbar ist, dass ihre Auswirkungen für die betreffenden Personen nicht mehr spürbar sind. Sie bleiben jedoch trotzdem erhalten. Wie fern sich zwei massereiche Körper auch sind, die Gravitation zwischen ihnen bleibt erhalten.

 

Trotz der Erkenntnis, dass keine Kommunikation nicht möglich ist, bleibe bei meinem vielleicht etwas simplifizierenden Mittel, einfach das Weite zu suchen, wenn ich in einen Konflikt gerate, den ich nicht ausfechten will. Das gleiche kann ich Ihnen raten, sofern Sie vorher die Kosten und den Nutzen eines solchen Verhaltens vernünftig und gründlich abgewogen haben. Ständig vor dem Konflikt mit Menschen davonzulaufen, mit denen man eigentlich Zeit verbringen möchte – oder muss – kann also keine Lösung sein. Wo Sie jedoch auf die Gesellschaft einer Person verzichten können, ist die Flucht vor dem Konflikt mit ihr eine denkbare Lösung.

 

Aber es fällt uns nicht immer leicht, uns von den Personen und den mit ihnen verbundenen Konflikten zu lösen – nicht, wenn wir selbst Teil des Konfliktes sind. Aber manchmal ist es noch viel schwieriger, wenn wir aus einer (vermeintlich) sicheren Position heraus einen Konflikt beobachten. Und der Konflikt gewinnt noch an Interesse für uns, wenn es sich um zwei massereiche Himmelskörper handelt, die dort mit einander in den Ring steigen. Wenn sich die beiden Abteilungsleiter die verbalen Spitzen nur so um die Ohren hauen, dass es daraus blutet, dann ist das ganz großes Kolosseum. Endlich sind die Gladiatoren wieder zur Belustigung des Publikums in die Arena gestiegen. Wie weit werden Sie diesmal gehen? Werden da beide heil herauskommen? Oder erwischt es einen der beiden diesmal richtig? Welche Wendungen mag es diesmal geben? Werden wir danach einen neuen strahlenden Helden haben? Oder vielleicht einen verruchten Schurken sehen, der nach schmutzigem Kampf als Sieger das Schlachtfeld verlässt?

 

Unsere Sensationsgier hat uns vor zwei tausend Jahren die großen Amphitheater bauen lassen, wie sie uns heute das Camp Nou bauen ließ.[4] Damals wie heute werden wir als Beobachter aber nicht nur emotional in den Konflikt gesogen. Indem wir eine Partei ergreifen oder über den Ausgang Wetten mit uns selbst oder anderen eingehe, machen wir uns nicht nur freiwillig sondern auch lustvoll bis zu einem bestimmten Punkt zum Teil des Geschehens. Dabei laufen wir jedoch Gefahr völlig vom Konflikt vereinnahmt zu werden. Stehen wir nämlich zu dicht daran, wird in einem eskalierenden Konflikt unweigerlich der Moment kommen, den Friedrich Glasl als das „Bilden von Koalitionen“ bezeichnet hat.[5] Die Gravitation der größeren Körper fängt an, auf die kleineren – die Trabanten – zu wirken.

 

Wie im politischen Spiel fragen die beiden Parteien – mehr oder weniger direkt – ab, ob man auf der einen oder anderen Seite steht. Ihr erster Reflex, die eidgenössische Idee der Enthaltung, zählt in diesem Spiel jedoch nicht. Sie gleicht dem Versuch, im Feld der Schwerkräfte auf Anhieb einen sicheren Lagrange-Punkt durch probieren zu finden – es ist praktisch unmöglich.[6] So heißt es also Ihnen gegenüber: „Bist Du nicht für mich, dann bist Du gegen mich!“ Und schon sind Sie Teil des Konfliktes. Sollten Sie dennoch beständig beteuern, nichts mit der ganzen Sache zu tun zu haben, wird Ihnen dies im Gegenteil noch als „falsches Spiel“ oder anderweitige charakterliche Minderwertigkeit ausgelegt werden. Sobald Sie von beiden Parteien als rückgratloses Fähnchen im Wind abgestempelt werden, gibt es plötzlich für alle Beteiligten zwei Fronten. Die Gravitation des Konfliktes zwischen den beiden Hauptakteuren wirkt und zerrt gleichermaßen von beiden Seiten an Ihnen.

 

Eskaliert der Konflikt auf höchstem Niveau,  dann wird quasi ein schwarzes Loch erzeugt, dass alles an sich reißt und seine Existenz im Wirken der Kräfte zu eliminieren droht. Wehe Ihnen, wenn Sie dem Ereignishorizont zu nahe geraten. Kollaterale Schäden sind den Widersachern auf diesem Niveau des Konfliktes aus vollem Herzen egal. Vielleicht gibt es einmal ein Erwachen voller Reue, jedoch nicht in der Hitze des Gefechts. Reue zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass sie mit der Unabänderlichkeit des bereits Geschehenen verbunden ist.

 

Mein Rat an dieser Stelle: Wenn Sie nicht direkt an einem Konflikt beteiligt sind und dies auch künftig nicht sein wollen, dann widerstehen Sie ihrer Schaulust und halten sich so fern von dem Gravitationsfeld, dass Sie ihm jederzeit widerstehen können.[7]

 

Hendrik Hilmer

Rullstorf, März 2020

 

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[1] Die physikalischen Spitzfindigkeiten, die sich aus den unterschiedlichen Betrachtungsweisen der Gravitation bei Newton und Einstein ergeben, spielen für unsere Zwecke keine Rolle. Diese beiden Herren haben jeweils ihre ganz eigene Gravitation und ich sehen mich nicht in der Lage mich dazwischen zu stellen oder gar einem der beiden einen Vorzug zu geben.

[2] Vgl. Sie hierzu die Ausführungen bei Simon, 2012.

[3] Vgl. Watzlawick, Beavin, & Jackson, 2016

[4] Im Übrigen braucht sich der kulturell Beflissene an dieser Stelle nicht dem „proletarischen“ Fußballfan überlegen fühlen. Ob Wilhelm Tell, Don Juan oder Hamlet, die größten Stücke funktionieren, weil sie unsere Schaulust ansprechen. Vielleicht auf feinerem Niveau, das mag sein. Aber sie zielen doch auf unsere Gier am Leiden, Kämpfen, Triumphieren oder Scheitern teilhaben zu können.

[5] Glasl, 2011; vgl. heutige Fankultur mit derjenigen der Antike: Es werden sich keine nennenswerten Unterschiede feststellen lassen.

[6] Lagrange-Punkte sind Punkte des absoluten Gleichgewichts im Gravitationsfeld zweier unterschiedlich massereicher Körper (z.B. Fixstern und umkreisender Planet), an denen sehr leichte Körper (z.B. Satelliten) ohne eigenen Antrieb im immer gleichen Abstand zu beiden Körpern auf der Umlaufbahn des masseärmeren Körpers um den massereicheren Körper kreisen. Ermöglicht wird dies einerseits durch die an diesen Punkten gleichermaßen wirkenden Kräfte der beiden Gravitationsfelder und andererseits durch die sehr geringe Masse des Satelliten – also das Fehlen einer eigenen nennenswerten Gravitation.

Wie Sie sich vorstellen können, ist es sehr schwer, um nicht zu sagen: fast unmöglich, diese Punkte bei Himmelskörpern ohne sehr präzise Berechnungen zu finden. In sozialen Interaktionen ist es (zumindest heute noch) gänzlich unmöglich! Außerdem müssten Sie schon ein sehr „massearmer“ Zeitgenosse sein, um in den Genuss des antriebslosen Distanzhaltens zu gelangen...

[7] Irrwitziger Weise gibt es Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, genau in diesem Gravitationsfeld zu arbeiten. Richter, Anwälte, Schlichter, Mediatoren,... begeben sich mehr oder weniger freiwillig in das Zerrfeld des Konflikts.

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© Hendrik Hilmer